Die Rückkehr der Revolution

tahrir-19-20-november2320. November 2011. - Hier schlägt das Herz der Revolution. Mit der Besetzung des Tahrir-Platzes durch junge Demonstranten am 25. Januar 2011 begann jene Revolution, die nach knapp drei Wochen zum Rücktritt des damaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak führte. Seitdem hat es enorme symbolische Bedeutung, wer diesen Platz kontrolliert, und immer deutlicher wird, dass in dieser Nacht die Entscheidung darüber fallen wird.

Seit jenen Tagen der Aufbruchstimmung hat sich viel Wut bei den Ägyptern angestaut über den Militärrat, der in Abwesenheit eines Präsidenten und eines Parlaments die Regierung kontrolliert. Am Freitag veranstaltete eine große Koalition, welche die meisten politischen Gruppen – Religiöse ebenso wie Liberale und Linke – umfasste, eine friedliche Großdemonstration auf dem Tahrir-Platz, um eine schnelle Übergabe der Macht an eine Zivilregierung und ein Ende der Sonderrolle des Militärs zu fordern. Einige der Demonstranten campierten danach auf dem Platz, die Polizei versuchte diesen am Folgetag zu räumen, und wenig später strömten wieder Menschenmassen zusammen, um gegen die Räumung zu protestieren. Die Polizei rückte mit Tränengas vor und vertrieb die Demonstranten, doch kaum waren die Tränengaswolken verzogen, sammelte sich die Menschenmenge wieder auf dem Platz.

Jetzt ist es Samstagabend. Niemand weiß, was die Polizei als nächstes plant und ob das Militär intervenieren wird. „Wahrscheinlich werden sie den Platz erst gegen Mitternacht wieder zu räumen versuchen, wenn die Leute ein wenig müde sind“, mutmaßt einer der Demonstranten. „Bis zum Morgen wollen sie bestimmt den Platz wahrscheinlich gesäubert haben, damit die Kairoer Bevölkerung nicht so viel von den Protesten mitbekommt.“

Es ist eine bunte Mischung, die sich auf dem Tahrir-Platz versammelt hat. Bärtige Vertreter religiöser Parteien sind mit dabei, aber sie dominieren das Bild nicht so stark wie die Großdemonstration am Vortag. Die meisten Demonstranten sind junge Männer und Frauen, die einfach nur Demokratie wollen und für die Religion nicht im Vordergrund steht. Sie haben die Revolution während der Tage nach dem 25. Januar getragen, und jetzt sind sie zurückgekehrt auf die politische Bühne. Auf der Südseite des Platzes skandiert eine Gruppe Studenten besonders laut und geschlossen, unter ihnen sind fast die Hälfte Frauen: „Wir werden nicht gehen, der Militärrat soll gehen!“ Derweil schimpft ein paar Meter weiter ein älterer, religiöser Redner auf Israel, mit dem Ex-Präsident Mubarak paktiert habe.

Und ein junger Mann, Mitglied der Muslimbruderschaft, erklärt: „Wir wollen einfach nur, dass das Militär seine Versprechen hält. Sie haben gesagt, sie würden die Macht nur für sechs Monate übernehmen. Jetzt sind sie schon fast zehn Monate an der Macht, und es ist kein Ende abzusehen. Wir wollen einen Präsidenten aus dem Volk, nicht aus den Militärbaracken.“ Er deutet auf die Menschenmenge rundherum: „Diejenigen, die hier demonstrieren, sind die gebildetsten und aktivsten Teile der Bevölkerung. Die breite Masse versteht gar nicht, worum es hier geht. Aber auch damals im Frühjahr hat es ein paar Tage gedauert, bis sich sich die Anliegen der Demonstranten herumgesprochen hatten und die Bevölkerung sie unterstützte. Wir können hier nur den Samen säen.“

Auf der Südseite des Platzes ist Lärm zu hören, dort wird jetzt besonders heftig skandiert und die Menschenmenge dringt vorwärts, in die Mohamad Mahmoud Straße hinein. An dieser liegt das Innenministerium, gegen das sich jetzt angeblich der Zorn der Demonstranten richtet. Sie und die weiter südlich gelegene Parallelstraße werden zum Schauplatz eines lange andauernden Straßenkampfes. Die Polizei antwortet auf das Vordringen der Demonstranten mit Tränengraspatronen. Mit einem „Bum“ werden sie abgefeuert und schwirren dann durch die Luft, einen Rauchschweif hinter sich herziehend. Wenn sie auf dem Boden auftreffen, verbreitet sich eine Tränengaswolke und zwingt die Demonstranten zum fluchtartigen Zurückweichen. Helfer halten Flaschen mit Wasser und Essig bereit, um es in die Augen zu träufeln oder die Taschentücher damit zu befeuchten, während eine neue Gruppe von Demonstranten bereits wieder in die Straße hineinstürmt, kaum dass sich die Tränengaswolke verzogen hat.

Gegen Mitternacht wird es ernst, immer mehr Verwundete werden angeschleppt, die von Gummigeschossen getroffen worden sind. Auf der Südostseite des Platzes ist ein provisorisches Lazarett entstanden, in dem Verwundete mit einfachsten Mitteln verarztet werden, immer wieder fahren Krankenwagen mit Sirenen und Blaulicht auf den Platz. Demonstranten haben begonnen, Molotow-Cocktails zu bauen und Metallplatten für die Barrikaden anzuschleppen. Andere hacken derweil das Pflaster der Gehwege auf, um dann mit Händen oder Tragebahren voller Pflastersteine in jene Straßen hineinzulaufen, in denen gekämpft wird, in denen immer wieder kleine Feuer auflodern und stinkende Rauchsäulen aufsteigen lassen.

So wogt der Kampf stundenlang hin und her. Die Polizei feuert Tränengaspatronen und Gummigeschosse, die Demonstranten antworten mit Pflastersteinen und Molotow-Cocktails, und es ist längst nicht mehr zu überblicken, wer der Angreifer ist und wer der Verteidiger. Mehrmals sieht es so aus, als versuche die Polizei den Sturm auf den Platz. Die Einschläge der Tränengaspatronen rücken näher und die Demonstranten fliehen zurück auf den Platz. In einem besonders bedrohlichen Moment sind es ausgerechnet die Bärtigen, die sich der zurückwogenden Welle entgegenstemmen, aus vollem Hals „Allah akbar“ – Allah ist groß – zu brüllen beginnen und mit Gesten die Demonstranten auffordern, nicht aufzugeben.

Doch der Sturm gelingt nicht, und entgegen der Befürchtungen mancher Demonstranten greift auch das Militär nicht ein. In den frühen Morgenstunden, gegen vier Uhr, wird es ruhiger, manche der Jugendlichen gehen zum Schlafen nach Hause, während die Religiösen sich zum Beten in die nahe Omar Makram Moschee zurückziehen. Auf dem Kreisverkehr in der Mitte des Platzes sind wieder Zelte aufgebaut worden, Jugendliche liegen schlafend auf Decken oder klicken sich auf ihren Laptops durch ihre Facebook- oder Twitter-Seiten, während einer von ihnen aus einer Plastiktüte kostenlos Sandwiches verteilt.

Es ist nur eine Minderheit, die sich in den Nebenstraßen Straßenschlachten mit der Polizei liefert, die Mehrheit hat zu Tausenden friedlich demonstrierend und beobachtend auf dem Platz ausgeharrt. So auch dieser beleibte junge Mann, der fließend Englisch spricht, ein Liberaler durch und durch: „Ich bin schon seit über zwölf Stunden hier. Gleich nach der Arbeit bin ich gekommen und vorher nicht einmal zum Duschen nach Hause gefahren. Ich glaube, es ist einfach meine Pflicht, jetzt hier zu sein.“ Für die Polizei hat er nur abschätzige Worte übrig: „Gestern Morgen standen nur drei Zelte hier. Warum wollten sie diese denn unbedingt räumen? Es war doch so absehbar, dass sie dadurch nur eine neue Rebellion provozieren würden. Bald werden es viel mehr Zelte sein. Aber daran sieht man einmal mehr, dass der ganze Staatsapparat noch völlig im Denken der Mubarak-Zeit feststeckt und völlig unflexibel ist. Das Militär traut den Ägyptern nicht zu, sich selbst zu regieren, aber das Volk ist längst viel weiter.“

Dann beginnt der Morgen zu grauen, ein neuer Tag bricht an. In der Mohamad Mahmoud Straße wird noch immer gekämpft, während die Parallelstraße im Süden mit Steinen und Glasscherben übersät ist und auf dem Platz ein junger Mann den Müll der Nacht zusammen zu fegen beginnt. Einige Teilnehmer der Straßenschlacht posieren mit Victory-Zeichen für Erinnerungsbilder, andere sammeln Gummigeschosse und Tränengaspatronen als Trophäen ein, halten diese stolz in Kameras und deuten wütend auf den Schriftzug „Made in U.S.A.“. Noch immer stehen die Straßensperren, noch immer ist der Tahrir-Platz in der Hand der Demonstranten. Auf dem Kreisverkehr in der Mitte des Platzes stehen wieder Zelte, mehr als am Vortag. So ähnlich muss die Revolution am 25. Januar begonnen haben.

Eine Reaktion zu “Die Rückkehr der Revolution”

  1. pamirblog.de » Blog Archiv » Durchatmen nach der Schlacht

    [...] über den Platz. Jetzt weht der Duft von Popcorn und Süßkartoffeln durch die Luft. Die Straßenschlachten der vergangenen Tage sind vorüber, an diesem Freitag wird wieder friedlich demonstriert. [...]

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