Vorzeichen eines Wendepunkts

tahrir-21-november0521. November 2011. – Es ist Tag vier der Proteste auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos, und es wird nicht der letzte Tag gewesen sein. Nicht mehr Tausende von Menschen wie am Vortag haben sich am Abend versammelt. Es sind Zehntausende. „Morgen werden wir eine Million sein“, prophezeit einer der Demonstranten; verschiedene Parteien haben für den Folgetag zu einer neuen Großkundgebung aufgerufen, nachdem bei den Auseinandersetzungen mehr als 20 Menschen getötet worden sind.

Die Proteste haben am Freitag begonnen, als verschiedene ägyptische Parteien eine Großdemonstration gegen die Vormachtstellung des Militärs und für eine rasche Übergabe der Macht an eine Zivilregierung veranstalteten. Am Samstag eskalierten sie, nachdem die Polizei ein Camp von Demonstranten aufgelöst hatte. Seitdem wird auf dem Platz demonstriert, während sich in einigen Nebenstraßen Polizei und Demonstranten Straßenschlachten mit Tränengas und Gummigeschossen, Pflastersteinen und Molotow-Cocktails liefern.

Anders als vor zwei Tagen, als die Straßenschlachten begannen, ist der Platz jetzt fest in der Hände der Demonstranten, die Kämpfe werden zwar noch immer mit unerbittlicher Härte ausgetragen, finden aber nur noch in den Nebenstraßen statt; die Tränengas-Angriffe der Polizei auf den Platz scheinen aufgehört zu haben. Die Gesundheitsversorgung ist deutlich besser organisiert als in den Anfangsstunden: Mit einer Schnur ist ein Korridor quer über den Platz abgeriegelt, durch den im Minutentakt Verletzte mit Tränengasreizung oder Gummigeschossen herangeschleppt werden, um entweder auf Decken auf der Verkehrsinsel in der Mitte oder in dem provisorischen Lazarett vor dem Kentucky Fried Chicken auf der Nordseite des Platzes behandelt zu werden. Junge Männer versuchen, einen weiteren Korridor für die Krankenwagen frei zu halten, die alle paar Minuten mit Blaulicht davonrasen, in die Krankenhäuser der Innenstadt. Und findige Geschäftsleute haben Kartons mit Gasmasken gebracht, die sie als Schutz vor dem Tränengas an die Demonstranten verkaufen.

Sonst aber erinnert auf dem Tahrir-Platz kaum etwas an die Straßenkämpfe, die einige Hundert Meter weiter ausgetragen werden. Die Stimmung ist entspannter als am Vortag, die Menschen wirken selbstbewusster und siegesgewisser, nicht mehr die Gewalt mehr im Vordergrund, sondern die Politik. Es werden wieder ägyptische Flaggen geschwenkt, Banner hochgehalten, Slogans skandiert und Flugblätter verteilt. Überall wird über die Zukunft dieser „zweiten Revolution“ und die Zukunft Ägyptens diskutiert, und es sind nicht mehr nur die revolutionäre Jugend und die Anhänger der religiösen Parteien, die demonstrieren und diskutieren. Viele ältere Männer sind heute zu sehen, auch einige ältere Frauen, oft westlich gekleidet, Vertreter des Bürgertums wie jener Mann im schwarzen Anzug, der eine Krawatte um den Hals trägt und zum Zeichen der Solidarität mit den Straßenkämpfern auch eine Gasmaske.

Es ist wohl nicht zuletzt der Blutzoll der letzten Tage, der das Vertrauen vieler Ägypter in den herrschenden Militärrat zerstört hat und die Unterstützung für die Demonstranten hat wachsen lassen. „Sind wir in Syrien oder in Ägypten?“ fragt eine junge Frau auf ihrem Banner in Anspielung auf jenes arabische Land, dessen Regierung sich durch ihr gewaltsames Vorgehen gegen die Opposition völlig diskreditiert hat, und formuliert dann den Vorwurf, der viele bewegt: „Der Militärrat tötet Ägypter!“

Vor einigen Stunden erst hat die Regierung geschlossen ihren Rücktritt eingereicht, doch mit diesem Bauernopfer geben sich die Demonstranten offenkundig nicht zufrieden, sondern skandieren weiter ihren Schlachtruf: „Das Volk fordert den Rücktritt des Feldmarschalls!“ Damit meinen sie Mohammed Hussein Tantawi, der früher Verteidigungsminister unter dem damaligen Präsidenten Husni Mubarak war und jetzt als Vorsitzender des herrschenden Militärrats faktisch das Land regiert. Übergangsweise, wie er sagt, während viele Ägypter ihm vorwerfen, die Übergabe an eine Zivilregierung zu verzögern und das Militär dauerhaft der Kontrolle der Politik entziehen zu wollen.

Fragt man Demonstranten auf dem Platz, was sie fordern, so fallen die Antworten unterschiedlich aus. Den sofortigen Rücktritt Tantawis, sagen einige. Einen festen Termin für Präsidentenwahlen und die Übergabe der Macht an eine demokratische legitimierte Regierung spätestens im April 2012. Eine klare Vorstellung davon, wie ein Übergangsprozess aussehen könnte, haben die wenigsten. Doch immer wieder wird Mohammed el-Baradei, der ehemalige Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation, der vor allem bei den Liberalen beliebt ist, als neuer Hoffnungsträger genannt.

Doch eines deutet sich an diesem Abend an: Gewaltsam räumen werden Polizei und Militär den Platz nicht mehr können, höchstens um den Preis eines Blutbades. Dafür sind inzwischen zu viele Menschen auf dem Platz, die fest daran glauben, den Erfolg vom Februar 2011 wiederholen zu können, als sie den damaligen Präsidenten Husni Mubarak durch Massendemonstrationen zum Rücktritt zwangen. Und der Militärrat hat erst durch sein politisches Taktieren und dann durch sein hartes Vorgehen gegen die Proteste zu viel Vertrauen verspielt, als dass er noch einen Keil zwischen die Demonstranten und die breite Masse der Bevölkerung treiben könnte.

Am 28. November steht die erste Runde der Parlamentswahlen an, bis dahin muss eine politische Lösung gefunden sein, mit der die Menschen auf dem Tahrir-Platz nach Hause gehen können, sonst droht die Situation zu eskalieren. „Das ist eine historische Stunde“, sagt einer von ihnen freudestrahlend. „Davon werden wir noch unseren Kindern erzählen, wie das Volk es geschafft hat, das Land zu verändern.“

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